Seit sieben Jahren pumpt der Zweckverband Wilde Sau die Abwässer nach Dresden. Wie sich das für Kommune und Bürger auszahlt und was bei einem Blackout geschieht.
Was bringt die Abwasser-Überleitung nach Dresden für Wilsdruff?
Seit sieben Jahren pumpt der Zweckverband Wilde Sau die Abwässer nach Dresden. Wie sich das für Kommune und Bürger auszahlt und was bei einem Blackout geschieht.
Carsten Hahn und Torsten Richter-Friebel stehen im Pumpenraum tief unter der Erde im früheren Wilsdruffer Klärwerk am Saubachtalweg. Heute ist hier das Herzstück des Überleitungspumpwerks, in dem seit sieben Jahren die Abwässer des Abwasser-Zweckverbandes „Wilde Sau“ (AZV) zum Klärwerk Kaditz gepumpt werden. Der Wilsdruffer AZV-Vorsitzende und Beigeordnete Hahn sowie Pumpwerksmeister Richter-Friebel von der Stadtentwässerung erläutern, wie sich die Zusammenarbeit entwickelt hat.
Der Auftakt: Tunnelbau für Wilsdruffer Anschluss
Bereits seit Februar 2019 werden jährlich rund eine Million Kubikmeter Abwasser vom AZV Wilde Sau im Klärwerk Kaditz gereinigt. Zum AZV gehören die Stadt Wilsdruff, große Teile der Gemeinde Klipphausen und der Tharandter Ortsteil Pohrsdorf mit insgesamt rund 17.000 Einwohnern. „89 Prozent der Grundstücke sind an die Kanalisation angeschlossen“, erklärt der 45-jährige AZV-Chef Hahn. Bei den restlichen elf Prozent wäre der Aufwand für den Anschluss zu groß. Dort wird das Abwasser in Kleinkläranlagen gereinigt oder in abflusslosen Gruben erfasst und zur Fäkalien-Annahmestation gebracht.
Das Abwasser fließt vom Wilsdruffer Überleitungspumpwerk durch eine 12,5 Kilometer lange Druckleitung, die ab Ende 2017 zwischen Wilsdruff und dem Kaditzer Klärwerk gebaut wird. Die spektakulärste Aktion ist im März 2018, als ein 330 Meter langer Rohrtunnel neben der Dresdner A4-Autobahnbrücke unter dem Elbgrund gebohrt wird.
Der Probebetrieb der neuen Abwassertrasse hatte Ende Januar 2019 begonnen. Getestet wird die Leitung bis hin zum Volllastbetrieb mit der maximalen Durchflussmenge. Da alles gut funktioniert, kann zum regulären Betrieb übergegangen werden. Am 8. Februar wird letztlich die Wilsdruffer Kläranlage abgeschaltet. Die dortigen Klärbecken werden zu Speicherbecken umgebaut.
Der AZV "Wilde Sau" hatte für die Überleitung rund zehn Millionen Euro investiert. Für das hochmoderne Kaditzer Werk ist es kein Problem, das zusätzliche Abwasser zu reinigen. Seine Kapazität liegt bei bis zu 200.000 Kubikmetern täglich.
Die Anlagen: 22 Pumpanlagen befördern das Schmutzwasser
Im AZV-Gebiet gibt es jetzt 22 Pumpanlagen, die das Schmutzwasser letztlich zur Druckleitung Richtung Dresden befördern. Als Beispiele führt Hahn die Pumpwerke in Mohorn, Grumbach und Kesselsdorf an. Lediglich vom Wilsdruffer Ortsteil Oberhermsdorf wird das Abwasser nach Freital geleitet, wo es aber auch in Richtung Kaditz fließt.
Der Vorteil: Keine teure Kläranlagen-Modernisierung nötig
„Es war schlau, sich ans Klärwerk Kaditz anzuschließen“, resümiert der AZV-Chef nach sieben Jahren. Die Anforderungen an die Abwasserreinigung werden immer höher. Hätte der AZV das Wilsdruffer Klärwerk weiter behalten, wäre ein mit hohen Kosten verbundener enormer Aufwand nötig gewesen, um die Anlage mit neuen Reinigungsstufen auszustatten. „Deshalb war der Anschluss eine sehr gute Lösung“, sagt Hahn.
Die Zusammenarbeit: Betriebsführung ist „Selbstläufer“
Während Meister Richter-Friebel mit seinen Spezialisten die Pumpwerke wartet und die nötigen Instandsetzungen ausführt, kümmern sich zwei erfahrene Mitarbeiterinnen der Dresdner Stadtentwässerung in der AZV-Geschäftsstelle um die Anliegen der Bürger und Gewerbetreibenden. „Die Zusammenarbeit ist sehr gut“, sagt Meister Richter-Friebel. Alle zwei Wochen ist der 37-jährige Pumpwerksexperte bei den AZV-Beratungen dabei. Die Absprachen würden klappen. Es werde nach guten Lösungen gesucht, um die Vorschläge des AZV kostengünstig umsetzen zu können. „Das hat sich nach all den Jahren sehr gut eingespielt und ist mittlerweile zum Selbstläufer geworden“, resümiert der Meister. Auch Hahn lobt die Stadtentwässerung als sehr guten Partner. „Es ist gut, dass sie die Betriebsführung hat.“
Die Gebühren: Spezialisten untersuchen mögliche Energie-Einsparung
Die Abwasser-Entsorgung hat allerdings ihre Kosten. So musste der AZV im vergangenen Jahr die Abwasser-Gebühr von 3,49 Euro auf 4,55 Euro je Kubikmeter erhöhen. „Dabei haben vor allem die extrem gestiegenen Energiekosten eine Rolle gespielt“, erklärt der AZV-Vorsitzende. Er hofft darauf, dass in absehbarer Zeit keine weitere Erhöhung nötig ist. Deshalb wurde auch der Einleitvertrag mit der Stadtentwässerung nach dem Heidenauer Modell angepasst. Dabei sind díe Zahlungen zwar etwas höher, aber nicht mehr vom steigenden Zinssatz abhängig. „Unser Ziel ist es, auch damit stabile Abwassergebühren zu ermöglichen“, sagt er.
Meister Richter-Friebel verweist zudem darauf, dass Spezialisten des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) derzeit den Energieverbrauch der Anlagen untersuchen. Damit soll ermittelt werden, wo noch Strom gespart werden kann.
Die Investitionen: 1,7 Millionen für modernes Mohorner Pumpwerk
„Unsere Anlagen sind zu 98 Prozent auf dem neuesten Stand der Technik“, erklärt der AZV-Vorsitzende. Dafür wird jährlich kräftig investiert. So wird seit September vergangenen Jahres die Technik im Mohorner Pumpwerk an der Freiberger Straße erneuert.
Die 15 Jahre alte Anlage arbeitet am Limit und hat dadurch einen höheren Verschleiß. Schließlich müssen aus Mohorn, Herzogswalde und Grund jährlich rund 295.000 Kubikmeter Abwasser weitergepumpt werden. Dabei ist im anschließenden fünf Kilometer langen Leitungsabschnitt bis Grumbach ein Höhenunterschied von 90 Metern zu überwinden.
„Eingebaut wird jetzt ein Tandem-Pumpwerk mit vier Maschinen, bei dem jeweils zwei Pumpen hintereinander arbeiten“, erläutert der Meister. „Dadurch können wir den Druck erhöhen, mit dem das Abwasser weitergepumpt wird.“ Im September soll das neue Pumpwerk in Betrieb gehen, für das der AZV rund 1,7 Millionen Euro investiert.
Die Vorsorge: Mobiles Notstromaggregat für Blackout
Der AZV wappnet sich jedoch auch für Notfälle, so wenn das Stromnetz bei einem Blackout länger lahmgelegt wird. Erst zum Jahresauftakt war im Berliner Südwesten bei so einem Fall schonungslos offengelegt worden, wo es dort bei der kritischen Infrastruktur hakt. „Uns ist es wichtig, dass unsere Abwasserentsorgung auch bei einem Stromausfall weiter funktioniert“, sagt der AZV-Chef. Deshalb sind die Pumpwerke so umgerüstet worden, dass sie Steckverbindungen haben, um sie an ein Notstromaggregat anschließen zu können. Der AZV hat sich kürzlich einen mobilen Generator angeschafft, der Im Notfall schnell zum betroffenen Pumpwerk gebracht werden kann.
Aufmacherbild: Pumpwerksmeister Torsten Richter-Friebel (l.) von der Stadtentwässerung und AZV-Vorsitzender Carsten Hahn im Wilsdruffer Überleitungspumpwerk. Bereits seit sieben Jahren wird von hier aus das Wilsdruffer Abwasser zum Klärwerk Kaditz gepumpt.