Dresdner Kanalisationsgeschichte 35

Dieses Bild zeigt den Bau eines Rohres.

Der Artikel als Download

Teil 35: Das Entwässerungssystem des Zwingers und des Theaterplatzes

Zwischen 1999 und 2024 ermöglichte die Abtragung der oberen Bodenschichten des Zwingerhofes Einblicke in die Bautätigkeit vergangener Jahrhunderte. Freigelegt wurden unter anderem die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert, die erste Bastionärsbefestigung des 16. Jahrhunderts sowie Reste höfischer Festgebäude des 17. Jahrhunderts – einige inklusive entwässerungstechnischer Anlagen, die teils über die Grenzen des Zwingers hinaus mit dem städtischen Kanalsystem verbunden waren.  

Frühe Erschließungsgeschichte des Zwingerareals

Ab 1569 wurde in Dresden eine weitreichende Entscheidung umgesetzt: Die nach Abbruch der mittelalterlichen Stadtmauer erst wenige Jahre zuvor errichtete Bastionärsbefestigung, die über das heutige Zwingerareal und den Theaterplatz verlief, wurde bis 1575 abgetragen und etwa 200 Meter weiter westlich neu errichtet. Ein Ziel dieser Maßnahme war die Schaffung zusätzlicher Flächen für den Fürstenhof.  Das neu gewonnene Gelände wurde zur Angleichung des Höhenniveaus meterhoch aufgeschüttet, auch, um die durch Weißeritz- und Elbeverbindungen vernässten Flächen entlang des Stadtgrabens bzw. die alten Dresdner Seengürtels trockenzulegen. Die bis heute erhaltene Umwallung des Zwingers begrenzte das Areal nach Westen. Ab dem frühen 17. Jahrhundert entstanden hier Lustbauten: ein Reithauses ab 1618 und ein Schießhaus ab 1621. Beide wurden ab 1672 durch Neubauten ersetzt, die über Abwasserschleusen verfügten.  

Entwässerungskanal des zweiten Reithauses

Der älteste barocke Entwässerungskanal des Zwingerhofs wurde neben der Freitreppe an der Gemäldegalerie freigelegt. Der nach 1670 aus großen Sandsteinquadern gefertigte Kanal mit rechteckigem Fließquerschnitt (500/1400) verläuft entlang des Baukörpers des ehemaligen zweiten Reithauses – eines langgestreckten Gebäudes, dessen Grundrissschwerpunkt etwa an der südlichen Mauer der Sempergalerie lag – in Richtung Theaterplatz. Im Zuge der Neukonzeption der Hofentwässerung verlor der Kanal Anfang des 18. Jahrhunderts einen Großteil  seines Einzugsgebiets, blieb jedoch bis 1847 in   Der „Reithauskanal“  (500/1400)  auf dem Theaterplatz bzw. vor der  Sempergalerie Ein Stück der  „Hochzeitskanalisation“, welches  neuen Infrastrukturbauten weichen  musste, wurde durch Mitarbeiter  von TB 323 am alten Faulturm  wiederaufgebaut Anbindung der alten  Zwingerschleuse an den  Mischwasserkanal Sophienstraße,  der „Renaissancekanal“ ist als  „Altes Profil“ eingetragen Historie 82 · 12/25 19 Betrieb. Mit dem Bau der Fundamente für die Gemäldegalerie Alte Meister wurde er teilweise abgebrochen. Gleichwohl besteht seine Fortsetzung auf dem Theaterplatz bis heute. Um 1765 als „neue Schleuse“ bezeichnet, zählt er heute zu den Dienstältesten Kanälen Dresdens und entwässert den Theaterplatz. Dieser sogenannte „Reithauskanal“ mündete bis zur Errichtung der modernen Kanalisation (1908) in der Sophienstraße an der nordöstlichen Ecke der Altstädter Wache – gemeinsam mit dem „Renaissancekanal“ – in die direkt vor den Außenmauern entlangführende, westliche Ringschleuse des Residenzschlosses.   

Theaterplatz und italienisches Dörfchen  

In den Reithauskanal münden mehrere sandsteinerne Seitenkanäle mit quadratischen Querschnitten unterschiedlicher Größe, die vermutlich während der Bauzeit der Hofkirche (1739–1751) entstanden sind. Sie dienten der Entwässerung des damals in diesem Bereich befindlichen „Italienischen Dörfchens“, einer Ansiedlung von Häuschen mit Werkstätten und Unterkünften der Erbauer der Hofkirche. Auch das von 1755 bis 1841 auf dem Theaterplatz bestehende Morettische Theater wurde über einen zu dessen ehemaligen Standort hinführenden Seitenkanal entwässert.  Die Gruppierung der Gebäude des italienischen Dörfchens um die „neue Schleuse“ führte zunächst zur Annahme, der Kanal sei im Zusammenhang mit dem Bau der Hofkirche entstanden.  Diese Hypothese wurde durch das Auffinden der Fortsetzung des Reithauskanals im Innern des Zwingers widerlegt. Bei der Neugestaltung des Theaterplatzes (1887–1889) wurde die barocke Kanalisation dem erhöhten Platzniveau angepasst: Die Schächte erhielten sandsteinerne Aufsätze und runde Gussabdeckungen der Firma C. E. Rost (Rosengasse). Diese gelten als die ältesten erhaltenen Schachtabdeckungen des Dresdner Kanalnetzes.  Der vom ehemaligen Morettischen Theater kommende Kanal störte beim Bau des König-Johann Denkmals und wurde daher in einem Halbkreis um das Denkmal verlegt.

Kanalisierung des Zwingerhofes

Bis 1709 erfolgte die Gestaltung des Zwingerhofes wenig planvoll und unterlag häufigen Umgestaltungen. Durch Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) wurde der Hof – im Vorfeld der Hochzeit des sächsischen Kurprinzen Friedrich August II. mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha im Jahr 1719 – dem Fest angemessen gestaltet, was allerdings schon einige Jahre später wieder Geschichte war, wie das Gemälde von Canaletto zeigt.  Zwischen 1709 und 1719 wurde im Zwingerhof ein vollständig neues Entwässerungssystem errichtet: ein zentraler Sammelkanal in der Zwingerachse mit orthogonal angeschlossenen Seitenkanälen. Der von Westen nach Osten verlaufende Hauptkanal mündete in den Renaissancekanal auf der Sophienstraße. Ein im Zuge des Mischwasserkanalbaus 1908 angefertigter Lageplan zeigt den bis dahin genutzten Anschluss der 52 cm hohen und 28 cm breiten „alten Zwingerschleuse“ an den von der Kleinen Brüdergasse kommenden Sandsteinkanal (840/1130), der weiter in Richtung Taschenberg, Schinkelwache und Schloss zur Elbe führte. Die barocke Zwingerentwässerung ist – vermutlich seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht mehr in Betrieb.  Große Teile des historischen Systems blieben aber nach den jüngst abgeschlossenen Sanierungsarbeiten am Zwingerhof weiterhin im Untergrund für die Nachwelt erhalten.

Autor: Frank Männig, Stadtentwässerung Dresden GmbH, wird fortgesetzt.