Dresdner Kanalisationsgeschichte


Teil 15: Die Sächsische Guano-Compagnie

Im Jahr 1864 existierten in Dresden zwei Abfuhr- und Verwertungsunternehmungen, welche sich mit Gewinnabsichten den Hinterlassenschaften der Großstadtbewohner annahmen – die Sächsische Guano-Compagnie an der Königsbrücker Landstraße und der „Actienverein für Düngerexport“ am Tatzberg. Beide Gesellschaften räumten Gruben und Tonnen rechts und links der Elbe. Welche Entwicklungen waren dem vorausgegangen?

Der Guanoboom

Anfang des 19. Jahrhunderts stieg der Bedarf an Düngemitteln zur Versorgung der wachsenden Bevölkerungen in den sich industriell entwickelnden Ländern der Welt. Besonders begehrt war Guano, eine feinkörnige Mischung von verschiedenen Phosphaten, Nitraten und organischen Verbindungen, welches aus den Exkrementen von Seevögeln entsteht. Alexander von Humboldt brachte 1806 die ersten Proben aus Übersee mit nach Europa. Später entstand daraus ein Guano-Boom, der zwischen 1845 bis 1880 seinen Höhepunkt erreichte. Aber auch Ersatzprodukte versprachen großen Gewinn. Vielerorts entstanden „Poudrettefabriken“, die einen Streudünger aus verarbeiteten menschlichen Exkrementen mit Zusätzen von Asche, Schwefelsäure, Kalisalzen, Superphosphat, allerlei Abfällen, Erde, Torf etc. produzierten. Wohl als erste auf dem heutigen Dresdner Stadtgebiet entstand um 1829 die Blasewitzer Poudrettefabrik des Herrn Nathusius, wie in einem Artikel in der in Zwickau erschienenen Wochenschrift „Die Biene“ nachzulesen ist. Nathusius bot über den Poudretteverkauf hinaus auch Beratungsleistungen für die optimale Düngerzusammensetzung und -menge an.

Poudrettefabrikation

Anfang der 1830er Jahre wurde auch innerhalb der damaligen Dresdner Stadtgrenze eine Fabrik gegründet. Kammerherr von Hartmann aus Großwelka hatte sich entschieden, „Cloakmassen“ fabrikmäßig zu trocknen, auf eigens dazu erbauten Wagen auf sein Landgut zu schaffen und dort als Poudrette-Dünger zum Einsatz zu bringen. Laut einem 1857 in der Deutschen Gewerbezeitung erschienenen Bericht von Fr. G. Wieck war sie (offenbar aber doch erst nachder Fabrik in Blasewitz – Anm. des Autors) die älteste Anstalt in Deutschland, welche hauptsächlich aus Grubeninhalten leicht versendbare, gehaltreiche Düngemittel herstellte. Sie firmierte offiziell als „Sächsische Guano-Compagnie“.

Die sächsische Guanofabrik des Hausbesitzervereins in Dresden

Nachdem die 1850 gegründete Fabrik unter Leitung des „Dirigenten“ Borsche stand, übernahm danach Dr. Otto Rudolph Abendroth (1811 – 1864). Er stammte aus Pirna, war Apotheker, studierter Chemiker und Gründer des Sächsischen Pharmazeutischen Instituts. In städtischem Auftrag führte er eine „neue, weniger belästigende Methode der Grubenräumung ein“, womit vermutlich die Tonnenabfuhr (siehe letzte KLARO) gemeint war. Außerdem unternahm er Versuche zur landwirtschaftlichen Verwertung der städtischen Düngerabfälle, die in ein patentiertes Verfahren mündeten, was sich deutlich von der einfachen Poudrette-Produktion unterschied.

Ein Verein von etwa 250 Hausbesitzern beteiligte sich am Unternehmen. Man überließ der Firma die Fäkalien der Grundstücke gegen unentgeltliche Grubenräumung. Wirtschaftlich lief das Geschäft wohl nicht sehr gut, denn bald konnte Dr. Abendroth seinen Verpflichtungen gegenüber dem Hausbesitzerverein nicht mehr nachkommen und verkaufte die Fabrik. Er starb „in dürftigen Verhältnissen“.

1855 übernahm der Chemiker R. Schulze die technische Leitung. Vom Abendroth’schen Verfahren wurde nur die Behandlung der flüssigen Düngermassen in Dampfkesseln beibehalten, die trockene Destillation der festen pflanzlichen und tierischen Abfälle dagegen aufgegeben. Zudem wurde die Fabrik vergrößert, denn die vorhandenen technischen Anlagen konnten nur ein Viertel der täglich anfallenden Fäkalienmenge verarbeiten. Auch begann man mit der Verarbeitung tierischer Abfälle. Zwar lief das Geschäft danach besser, aber immer noch nicht einträglich. 1857 verpachtete der Verein die Compagnie an Schulze. Der Reporter der Deutschen Gewerbezeitung erfreute sich im gleichen Jahr an „der wohlersonnenen und zweckmäßigen Anordnung des technischen Betriebs.“

Die Verarbeitungstechnologie

Der angelieferte Rohstoff wurde zunächst in einem Dampfkessel gekocht. Dämpfe und Gase leitete man in ein fest verschlossenes, granitenes Gefäß, in welchem ihr Ammoniakgehalt durch Schwefelsäure gebunden wurde. Danach wurden sie zur Beheizung verwendet und in einen langen, gemauerten, oben mit Sandsteinplatten und Erde bedeckten, aber unten offenen unterirdischen Kanal geleitet. Hier kondensierte der Wasserdampf und versickerte in die Erde. Die übrigen Gase gingen zunächst noch durch einen Koksbehälter, strömten schlussendlich in die Flamme über dem Rost, der sich unter dem Abtreibekessel befand und verbrannten dort zum größten Teil. Abgase entwichen durch eine hohe Esse.

Die entstandenen Lösungen von schwefelsaurem Ammoniak samt den zugegebenen, völlig zersetzten tierischen Abfällen wurden mit pulverförmiger Torfmasse vermengt und getrocknet. Der Kesselrückstand enthielt die wertvollen phosphorsauren und Kalisalze des Urins und wurde ebenfalls für die Mischung des „sächsischen Guanos“ verwendet.

1856 stand die Anstalt wegen „unangenehmer Durchduftung“ in der Kritik und es wurden Gegenmaßnahmen getroffen. Ein amtliches Gutachten bescheinigte bald darauf, „dass die Behauptung der weiteren Verbreitung übler Gerüche zu den üblen Gerüchten gehört…“. Reporter Wiek spricht nach dem Besuch der Fabrik, „die ganz dicht am Walde, weit von der eigentlichen Stadt entfernt liegt“ (dort wo heute das Quality Hotel Plaza steht) zurückhaltend von einem „säuerlich-faden“ Geruch.

Preise und Absatz

Man verkaufte den künstlichen Guano mit einem Gehalt von 3,5 % Stickstoff (= 4,25 % Ammoniak) zu 1 Taler und 20 Neugroschen pro Zentner in Fässern bzw. als Uratdünger zum Preis von 20 Neugroschen pro Zentner. Ein großer Teil ging auch unbehandelt an die Bauern, die flüssige Phase insbesondere im Frühjahr für 0,6 Silbergroschen pro Eimer. Monatlich wurden 1000 bis 3000 Zentner abgesetzt.

Noch vor 1866 wurde die Firma insolvent. Über die Konkurrenz, den „Actienverein für Düngerexport“ sowie dessen Folgefirma, die Sächsische Düngerexportgesellschaft, wird in der nächsten KLARO mehr zu erfahren sein.

Frank Männig, wird fortgesetzt