Das Tierparadies Kaditzer Deich

Dachse, Waschbären und sogar ein Elch: Zwischen Klärbecken und Faultürmen fühlen sich Wildtiere in Dresden wohl. Das hat Konsequenzen für die Stadtentwässerung.

Dresden. Im Kaditzer Klärwerk sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Anlage ist mittlerweile so naturnah gestaltet, dass sich hier viele Tiere wohlfühlen. So wurden Tausende Sträucher und auch Bäume gepflanzt. Zudem gestalteten Landschaftsgärtner die Flächen entlang der Straßen im Kerngelände des alten Klärwerks.

Außerdem gibt es Wiesen mit Wildblumen und Wildpflanzen. „In unserem grünen Klärpark grünt und blüht es“, sagt Thomas Schöniger. Als Stabsstellenleiter ist er auch für die Pflege der Grünflächen zuständig. In denen fühlen sich nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Rehe, Dachse, Waschbären, Insekten, Fische und Vögel wohl, führt er einige Beispiele an.

Damit das Tierparadies erhalten bleibt und noch schöner wird, kümmern sich auch Gebäudemanager Hannes Böhme und der für Gebäudeunterhaltung und die Flächen zuständige Meister Thomas Gerhardt mit darum.

Die Wildtiere: Elch inspiziert Klärwerk

Der wohl spektakulärste tierische Gast kam vor acht Jahren ins Klärwerk. „Sogar ein Elch ist schon einmal bei uns gewesen“, erklärt Schöniger. Im August 2014 war ein junger Elch erstmals in Radebeul gesichtet worden, anschließend durchschwamm er die Elbe und wanderte Richtung Dresden. Dann graste er unweit des Industriegeländes auch an der Kläranlage Kaditz. Letztlich flüchtete er ins nahegelegene Verwaltungsgebäude von Siemens.

Dieses spektakuläre Bild bot sich am 25. August 2014. Nachdem dieser Elch im Klärwerk Kaditz war, flüchte er ins nahe gelegene Verwaltungsgebäude von Siemens und stand dort auf diesem Flur.

Nach Angaben des Sachsenforst kommt es immer mal wieder vor, dass junge Elche aus Polen auf Wanderschaft bis Dresden kommen. Schließlich rückte ein Experte mit Betäubungsgewehr an. Getroffen von Pfeilen, ging der Elch in die Knie. Auf einer Trage wurde das riesige Tier in den Container bugsiert, in einen ostsächsischen Wald gebracht und wieder ausgewildert.

Die Schäden: Marderbisse in Stromkabel

Allerdings sind die im Klärwerk lebenden Tiere mitunter wild, wie Meister Gerhardt aus Erfahrung weiß. So hat die Stadtentwässerung im Bereich der Schlammbehandlung auf der anderen Seite der Autobahn A 4 Deiche angelegt, die vor Hochwasser schützen sollen. „Die Dachse haben ab 2020 an mehreren Stellen große Löcher rein gegraben, sodass kleine Tunnel entstanden sind“, berichtet der Meister.

Dachse graben auch im Klärwerk. Dort haben sie Tunnel durch Deiche gebuddelt.

Die Stadtentwässerung muss aber auf Hochwasser vorbereitet sein, da die Anlage direkt an der Elbe liegt. Also wurden die Schäden im vergangenen Jahr beseitigt und die Dachs-Tunnel wieder verfüllt. „Bei den Arbeiten haben wir keinen Dachs gesichtet“, erzählt Gerhardt. Schließlich sind die nachtaktiven Tiere auch sehr scheu. „Seitdem gibt es aber keine solcher Schäden mehr“, sagt er.

 

Diese Marderfalle wurde neben dem Regenüberlaufbecken im Klärwerk aufgestellt. Die Nager hatten bereits Stromkabel angeknabbert. 

Zumindest von den Dachsen, ergänzt sein Kollege Hannes Böhme und verweist auf die Marder. Denn die hätten schon Elektroleitungen angeknabbert. Deshalb wurde eine Marderfalle neben dem Regenüberlaufbecken aufgestellt, in der sie außerhalb der Zeit, in der sie Nachwuchs bekommen, gefangen und letztlich von einer Fachfirma getötet werden.

Die Teiche: Karpfen kommen bei Flut aus Elbe

Belebt sind auch die drei Teiche hinter dem Betriebsrestaurant an der Zufahrt zum Klärwerk. Sie wurden als Ausgleich für den Ausbau Anfang der 2000er-Jahre angelegt. In den schilfgesäumten Gewässern, die nur einen Grundwasser-Zulauf haben, hat sich die Natur mittlerweile prächtig entwickelt. Zum Jahrhundert-Hochwasser 2002, als die Klärwerk überflutet war, kamen Fische aus der Elbe in die Teiche – und blieben. „Dort sind Karpfen, Giebel, Bleie und Barsche“, erklärt Böhme. „Sie fühlen sich wohl und haben sich auch vermehrt.“

Hannes Böhme an einem der Teiche hinter dem Betriebsrestaurant, die sich zu fischreichen Naturparadiesen entwickelt haben.

Die Stadtentwässerung unternimmt viel, um die Teiche in natürlichem Zustand zu erhalten. So wurde viel Schlamm aus den Gewässern geholt. Zudem wurde 2016 ein biologischer Teichfilter - eine Art Mini-Kläranlage - installiert. In der zersetzen Mikroorganismen Schadstoffe. Zusätzlich verhindern UV-Strahler Algenwuchs.

Das ist die Mini-Kläranlage, die das Teichwasser reinigt.

„So fühlen sich unsere Fische wohl“, berichtet Böhme. Oft geht er in der Mittagspause an die Teiche, wirft Brötchenkrümel hinein. So kann er sich an den Karpfen erfreuen, die dann schnell kommen.

Durch Brötchenstücken angelockt kommen große Fische im Teich angeschwommen.

Der Nistplatz: Wand für Uferschwalben

Mittlerweile haben sich an den Teichen auch Wasservögel angesiedelt – Fischreiher, Kormorane und Enten. „Dieses Jahr sind auch Wildgänse gekommen.“ Auf der anderen Seite der Autobahn hat die Stadtentwässerung aus natürlichen Elbsedimenten wie Sand und Kies eine Uferschwalben-Wand angelegt. Sie ist etwa 50 Meter lang und fünf Meter hoch. Dort bohren die Vögel Löcher für ihre Nester, wo sie brüten können. Langsam wird sie von den Vögeln angenommen. „Unsere Experten von der Wildvogelauffangstation haben dieses Jahr erste Uferschwalben gesichtet“, so Böhme.

Eine Wand aus Elbsedimenten wie Sand und Kies ist für Uferschwalben gedacht. In Löchern können sie ihre Nester anlegen und brüten.

Die Wildblumen: Suche nach neuem Imker

2020 sind entlang der Autobahn neben den Nachklärbecken sowie an der Zufahrt zu den Anlagen der Schlammbehandlung mit den Faultürmen Wiesenstreifen mit Wildblumen angelegt worden. Insgesamt wachsen sie auf 1,5 Hektar großen Flächen.

2020 wurden Wildblumenwiesen auf insgesamt 1,5 Hektar großen Flächen angelegt, wie hier vor den Faultürmen.

Dort haben Insekten in der warmen Jahreszeit genügend Futter. Bis zum vergangenen Jahr hatte ein Dresdner Imker an der Ökofläche jenseits der Autobahn 17 Bienenkästen aufgestellt. Er ist jedoch weggezogen. „Jetzt suchen wir einen neuen Imker, der dort seine Bienenkästen aufstellt“, erklärt Meister Gerhardt.

von Peter Hilbert